Zeitungsartikel der Top Agrar von 2015

Susan und Anja Braune (mit Tochter Liska)Der nach­fol­gen­de Zei­tungs­ar­ti­kel wur­de in der Aus­ga­be 12/2015 im Land­wirt­schafts­ma­ga­zin Top Agrar ver­öf­fent­licht und wird hier mit Geneh­mi­gung der Redak­teu­rin Rein­gard Brö­cker wie­der­gege­ben.

Foto: Susan (li.) und Anja Brau­ne (mit Toch­ter Lis­ka) stam­men aus Grün­lich­ten­berg in Kriebstein, Land­kreis Mit­tel­sach­sen. Susan führt den elter­li­chen Fami­li­en­be­trieb mit 300 ha Acker­bau. Anja ist Kran­ken­schwes­ter und Pro­jekt­ko­or­di­na­to­rin für „Ärz­te ohne Gren­zen“. Pro­to­koll und Foto: Rein­gard Brö­cker

Starke Schwestern

Susan ackert im mit­tel­säch­si­chen Hügel­land zwi­schen Leip­zig und Dres­den, Anja reist für medi­zi­ni­sche Hilfs­pro­jek­te in Kri­sen­ge­bie­te welt­weit. Gegen­sätz­li­cher könn­te der All­tag der bei­den Bau­ern­töch­ter kaum sein. Was ver­bin­det sie?

Susan Braune, 44 Jahre

Anja und ich hat­ten stets einen guten Draht zuein­an­der. Doch bes­te Freun­din­nen und Ver­trau­te wur­den wir erst vor sie­ben, acht Jah­ren. 2008 über­nahm ich den elter­li­chen Betrieb, mit dem sich mein Vater als ers­ter Wie­der­ein­rich­ter in die­ser Regi­on selbst­stän­dig gemacht hat­te. Ein Jahr zuvor war Anja mit „Ärz­te ohne Gren­zen“ ins Aus­land gegan­gen. Wir erleb­ten bei­de sehr inten­si­ve Jah­re: Anja in ihren Pro­jek­ten, ich selbst als „Jung­land­wir­tin“. Im Herbst 2002, nach über 13 Jah­ren, hat­te ich frus­triert und ent­mu­tigt mei­nen Job als Spar­kas­sen­kauf­frau gekün­digt. Zuerst wuss­te ich nicht, wie es wei­ter­ge­hen soll­te. Dann fiel es mir wie Schup­pen von den Augen: Ich absol­vier­te die Meis­ter­prü­fung für Land­wir­te und leg­te in einem Manage­ment­kurs das Diplom für Betriebs­wirt­schaft bei der Aka­de­mie Deut­scher Genos­sen­schafts­ban­ken ab. Bei drei Töch­tern hat­ten wohl ins­ge­heim immer alle auf einen Mann, d.h. Part­ner, als Hof­nach­fol­ger gehofft. Tja – ich konn­te es auch selbst! Die Ent­schei­dung für die Land­wirt­schaft war die bes­te mei­nes Lebens. Bis heu­te tra­ge ich kei­ne Bla­zer mehr. Die Schreib­tisch­ar­beit ist geblie­ben, aber mein gere­gel­tes Leben in der Bank habe ich nicht einen Tag ver­misst. Im Moment ist Anja zu Besuch, wir leben wie in einer WG. Doch es ist eine Aus­nah­me­si­tua­ti­on. Wir sind gewöhnt, getrennt zu sein, zu tele­fo­nie­ren und zu mai­len. Oft sind die Umstän­de dabei sehr gegen­sätz­lich, skur­ril oder auch erschre­ckend. Ein­mal rief mich Anja über Satelit­ten­te­le­fon an. Auf­ge­regt erzähl­te ich ihr vom Ern­testress. Sie sag­te nur: ‚Wir sit­zen gera­de im Bun­ker, drau­ßen ist es brenz­lig.’ Anja ist „mein Tor zur Welt“. Ihre Ein­bli­cke in ande­re Kul­tu­ren haben mich welt­of­fen und umsich­tig gemacht. Wir sind für­ein­an­der da, auch über gro­ße Distan­zen.

Anja Braune, 41 Jahre

Ich reis­te mit dem Ruck­sack durch Süd­ame­ri­ka, als Susan mir schrieb: „Ich werd’ Land­wir­tin!“. Da war ich ver­blüfft und begeis­tert. Ohne Druck oder Zwang hat­te sie – wie über Nacht – ihre neue beruf­li­che Ori­en­tie­rung gefun­den. Außer­dem mach­te es mich glück­lich, zu wis­sen, dass der Hof, den mei­ne Groß­el­tern 1930 gegrün­det hat­ten, uner­war­te­ter Wei­se doch in der Fami­lie blei­ben wür­de. Im Gegen­satz zu Susan war ich selbst immer in der Welt unter­wegs – eine Noma­din. Für die Aus­bil­dung zur Kran­ken­schwes­ter zog ich mit 16 nach Chem­nitz. 2004 mel­de­te ich mich bei „Ärz­te ohne Gren­zen“ an. Die Auf­nah­me in den Mit­ar­bei­ter­pool ver­lief extrem schnell. Dann dau­er­te es aber doch noch zwei Jah­re, bis ich genü­gend Mut hat­te, zu star­ten. Inzwi­schen habe ich u.a. Äthio­pi­en, den Sudan, Libe­ria, Nige­ria, Paki­stan, Papua Neu­gui­nea, die Phil­ip­pi­nen und die Tür­kei bereist. Oft habe ich dabei Fotos für daheim geschos­sen, z.B. von Was­ser­büf­feln vor einem Pflug, kar­gem Gemü­se­bau an Steil­hän­gen oder müh­samst errich­te­ten Pyra­mi­den aus Heu. Die Klein­bau­ern dort haben kei­ne Vor­stel­lung von unse­rer Tech­nik. Seit gut einem Jahr ist Lis­ka auf der Welt. Für uns bei­de ist es groß­ar­tig, dass wir aktu­ell bei Susan auf dem Hof woh­nen. Dort leben auch mei­ne Eltern und unse­re ältes­te Schwes­ter Ina mit ihrer Fami­lie. Die Zuge­hö­rig­keit zur „eige­nen Her­de“, die Nest­wär­me und das Dorf­le­ben tun Lis­ka gut. For­mell bin ich „allein­er­zie­hend“, doch in die­ser Groß­fa­mi­lie ist das kaum mehr zutref­fend. Wie schön! Den­noch weiß ich bereits: Irgend­wann zie­hen wir wei­ter. Dies ist eine Sta­ti­on und ich will in Bewe­gung blei­ben. Es ist wert­voll, jetzt viel Zeit mit Susan zu ver­brin­gen. Sie ist mei­ne wich­tigs­te Bezugs­per­son. Wir krie­gen uns auch mal in die Wol­le. Doch fest steht, ich kann immer auf sie zäh­len.