Zeitungsartikel der Leipziger Volkszeitung von 1991

Bau der BetriebshalleDer nach­fol­gen­de Zei­tungs­ar­ti­kel vom Okto­ber 1991 wur­de in der Leip­zi­ger Volks­zei­tung ver­öf­fent­licht. Die Auto­rin, Ant­je Mey­en, die damals frei­be­ruf­lich tätig war, hat freund­li­cher­wei­se die Erlaub­nis erteilt, die­sen Text zu ver­öf­fent­li­chen. Es wird über die Anfangs­zeit unse­res Betrie­bes und die damit ver­bun­de­nen Her­aus­for­de­run­gen nach der Wen­de berich­tet. Er bil­det die damals vor­han­de­ne, unge­wis­se Situa­ti­on gut ab. Man kann lesen, mit wel­cher Ein­stel­lung mei­ne Eltern damals den Neu­an­fang gewagt haben. Glück­li­cher­wei­se hat sich die­se Ent­schei­dung als rich­tig erwie­sen.

Nach einem Jahr als Einzelbauer: Hart, aber nicht aussichtslos

Ange­fan­gen hat­te alles, als Achim Brau­ne mit sei­ner Frau durch die alten Bun­des­län­der fuhr und sich Betrie­be von Ein­zel­bau­ern ansah. Eigent­lich ohne bestimm­te Absicht, aus rei­ner Neu­gier, wie der 50jährige Bau­er aus Grün­lich­ten­berg (im Land­kreis Hai­ni­chen) heu­te beteu­ert. Aber irgend­wie ließ ihn dann der Gedan­ke nicht mehr los, sein Glück als Wie­der­ein­rich­ter zu ver­su­chen. Was nicht ande­res heißt, als sich allein, ohne die Genos­sen­schaf­ten, durch­zu­schla­gen. Am 10. August vori­gen Jah­res schick­te Achim Brau­ne der LPG die Kün­di­gung.

130 Hekt­ar Land, der Hof des Vaters, ein Kre­dit und jede Men­ge guter Wil­le – damit begann der Kampf ums Durch­kom­men. Die Fami­lie wälz­te Fach­li­te­ra­tur. Wel­che Kos­ten habe ich pro Hekt­ar? Wie kom­me ich öko­no­misch zurecht? Wel­che Tech­nik muß ich anschaf­fen?

Schon nach kur­zer Zeit stell­te sich her­aus, daß unser ers­ter Wie­der­ein­rich­tungs­plan nicht auf­ging“, sag­te Achim Brau­ne. Also such­te er west­wärts nach Hil­fe. Und fand in Bay­ern einen Bera­ter. Mit des­sen Tips im Gepäck kann Achim Brau­ne übers ers­te Jahr. Bau­te eine neue Getrei­de­la­ger­hal­le nebst Zufahrts­stra­ße. Kauf­te moder­ne Maschi­nen, küm­mer­te sich um Abneh­mer für sei­ne Pro­duk­te. Wei­zen, Fut­ter- und Brau­gers­te, Raps, Zucker­rü­ben, Acker­boh­nen wol­len an den Mann gebracht wer­den. „Sei­te ich allein zurecht­kom­men muß, über­le­ge ich auch, wie ich den größ­ten Gewinn machen kann“, sag­te Achim Brau­ne. „Die Erns­te muß so teu­er wie mög­lich ver­kauft wer­den.“ Des­halb die Lager­hal­le. Denn je län­ger der Ver­kauf auf­ge­scho­ben wird, des­to grö­ßer die Nach­fra­ge. Und damit steigt der Preis. Doch das Pokern fällt nicht leicht. „Ich hat­te jetzt ein Jahr lang nicht die kleins­te Ein­nah­me. War­te immer noch auf die zwei­te Hälf­te des Kre­dits. Na, und irgend­wann ist’s auch mit den Erspar­nis­sen zu Ende.“ „Abends um sie­ben kommt er vom Feld, steht mor­gens um sechs auf“, sag­te Ros­wi­tha Brau­ne. „Er macht ja alles allei­ne.“ Seit die 44jährige Buch­hal­te­rin arbeits­los ist, sieht auch sie in der Ein­zel­wirt­schaft eine Chan­ce. „Man ist für alles selbst ver­ant­wort­lich, muß die eige­nen Feh­ler aus­bü­geln, kann sich vor nichts drü­cken. Viel­leicht ist das ein Vor­teil gegen­über der Arbeit in der LPG.“

Neben Achim Brau­ne ver­su­chen noch zwei ande­re Bau­ern aus der Genos­sen­schaft, auf eige­ne Faust ihr Glück zu fin­den. Die Land­wirt­schafts­schu­le in Hai­ni­chen bie­tet Semi­na­re für Wie­der­ein­rich­ter. „Schließ­lich ist jeder der neu­en Ein­zel­bau­ern auf die­sem Gebiet ein Anfän­ger, und wer macht da schon auf Anhieb alles rich­tig“, mein­te Achim Brau­ne. Pflan­zen­schutz, bodenscho­nen­de Bear­bei­tung, Frucht­fol­ge, Dün­gung, Ter­mi­ne für die Aus­saat… „Es ist gut, wenn man da auch mal die Mei­nung ande­rer hört.“

Auch die öffent­li­che Hand bezahlt der­zeit Bera­ter. Für die Ein­zel­bau­ern in zwei oder drei Krei­sen steht einer die­ser Män­ner zur Ver­fü­gung. Achim Brau­ne hält davon wenig. „Meis­tens sind das Leu­te von hier. Und woher sol­len die mehr über die­se Arbeit wis­sen als ich. Sie haben ja mit Ein­zel­be­trie­ben auch kei­ne Erfah­rung.“

Achim Brau­ne lern­te das Ein­mal­eins der Land­wirt­schaft bei sei­nem Vater. „In unse­rer Fami­lie waren fast alle Bau­ern. Ist schon so was wie Tra­di­ti­on. Und jetzt ein schö­nes Gefühl, wenn ich den Betrieb mei­nes Vaters auf die­se Art wei­ter­füh­ren kann.“ Zwar ändern sich die Zei­ten (Vater Brau­ne besaß gera­de mal ein Zehn­tel von dem, was der Sohn nun sein eigen nennt), aber die Arbeit blieb von der Schwe­re her die­sel­be. Doch geht ein Ein­zel­bau­er heu­te nicht einen Schritt zurück, wenn er sich von mor­gens bis abends allei­ne abplagt, noch dazu für einen unge­wos­sen Lohn? Mit der Arbeits­tei­lung der LPG schien die­se Stu­fe längst über­wun­den.

Dage­gen macht es ihm kei­ne Sor­gen, für sein Hob­by spä­ter einen Nach­fol­ger zu fin­den. Zwei der Mäd­chen sind Pfer­de­nar­ren. „Die Pfer­de­zucht hab‘ ich bei mei­nem Vater ken­nen­ge­lernt. Bin auch lei­den­schaft­lich gern gerit­ten“, erzähl­te Achim Brau­ne. Seit 1980 frönt er nun selbst die­ser Lei­den­schaft – auch wenn das nicht eben leicht war. „Wir hat­ten ja kein Land, muß­ten kilo­me­ter­weit fah­ren, um Gras für die Pfer­de zu fin­den“, sag­te Ros­wi­tha Brau­ne. Jetzt haben die zur Zeit acht Pfer­de ein zwölf Hekt­ar gro­ßes Grün­land-Domi­zil. Der Gewinn aus dem Ver­kauf eines Pfer­des – Inter­es­sen­ten dafür gibt es unter den Spring­rei­tern, auch im Sport­stall Moritz­burg ste­hen schon Brau­ne­sche Pfer­de – geht für die Bewirt­schaf­tung der Grün­flä­che wie­der drauf. Pfer­de, fri­sche Luft, der Traum­job – Herz, was willst du mehr. „Na ja, der gute Wil­le allein und das täg­li­che Ran­klot­zen rei­chen noch nicht. Man brauch auch Glück“, schränkt Achim Brau­ne ein. „Doch von einem baden-würt­tem­ber­gi­schen Kol­le­gen habe ich mal einen Spruch gehört: Es gibt nichts Schö­ne­res als einen frei­en Bau­ern auf einer frei­en Schol­le. Bes­ser kann man’s nicht sagen.“
Achim Brau­ne ist erst seit einem Jahr allein auf der Schol­le.

- Ant­je Mey­en